Alle Gladbacher Jugendzentren machen sich fit für die digitale Zukunft

09.06.22, 14:00
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Sabine Sistig

„Wenn ich ein Jugendzentrum aufmache, dann muss ich mich in der Gegend auskennen. Hier in Gronau zum Beispiel, da muss ich wissen: Wer wohnt da? Wo sind Schulen? Genauso muss ich auch die digitale Welt kennen, in der die Jugendlichen sich aufhalten. Das ist mein Werkzeug“, sagt Manuela Muth. Sie leitet für die Katholische Jugendagentur Leverkusen, Rhein-Berg, Oberberg unser Jugendzentrum Cross in Bergisch Gladbach. Von hier aus treibt sie unter dem Namen „JuDi“ ein großes Projekt voran.

Für dieses Projekt haben sich alle sechs Gladbacher Jugendzentren mit ihren fünf verschiedenen Trägern zusammengeschlossen: der Krea Jugendclub in Refrath, das Cross, das FrESch in Schildgen, das Ufo in Bensberg, das Cafe Leichtsinn und das Q1 im Zentrum. Es geht darum, der Jugendarbeit den Weg in die digitalen Medien zu ebnen. Hin zu Instagram, TikTok und Snapchat, mitten ins online-Leben der Kinder und Jugendlichen von Bergisch Gladbach.

Manuela Muth von der Katholischen Jugendagentur LRO und J-J Da Costa, Dozent für Musikproduktion, setzen sich für Medienkompetenz in Bergisch Gladbach ein.

Manuela Muth von der Katholischen Jugendagentur LRO und J-J Da Costa, Dozent für Musikproduktion, setzen sich für Medienkompetenz in Bergisch Gladbach ein.

Begleitet wird diese Aufgabe von der Technischen Hochschule Köln, denn am Ende soll ein Leitfaden entstehen. Er wird auch andere Jugendzentren dabei unterstützen, digitale Kompetenzen aufzubauen und unter den Jugendlichen zu verbreiten.

Auf die Jugendlichen einlassen. Den digitalen Teil ihres Lebens verstehen

Verbringen die Jugendlichen nicht schon genug Zeit an ihren Handys? Das denken die meisten Erwachsenen. Manuela Muth geht es aber erst mal darum, nicht zu bewerten: “Wenn ich direkt schon eine negative Einstellung im Kopf habe, kann ich nicht verstehen, was die Jugendlichen dort hinzieht. Oder welche Möglichkeiten diese Medien bieten. Erst mal muss ich mich darauf einlassen.“

Hier birgt das Projekt eine wichtige Synergie: Digitale Kompetenzen können die pädagogischen Fachkräfte und Jugendliche beide gebrauchen. Die Fachkräfte benötigen sie, um Kinder und Jugendliche auch in der digitalen Welt zu unterstützen. Den Jugendlichen helfen mehr Einblicke, um kritisch und selbstbehauptend mit den digitalen Medien umzugehen.

Mal ein Ei vor laufender Handy-Kamera aufschlagen. Mit J-J und Daniel ein Insta-Video drehen.

Ein Weg zu mehr digitaler Trittsicherheit führt über das Selbermachen. Projekt-Mitarbeiter J-J Da Costa und Daniel Richartz gehen für „JuDi“ in alle sechs Jugendzentren und geben Workshops für Kollegen und Jugendliche. Mal heißt das dann tatsächlich Workshop, wie z.B.

„Pimp my Instagram“ oder „Reels und TikTok-Videos selber machen“. Oder sie veranstalten ein Mario-Kart-Turnier quer durch alle Jugendzentren. Manchmal heißt es auch einfach: „Heute kommen J-J und Daniel.“

Dann gehen die beiden spontan auf die Jugendlichen und die Fachkräfte vor Ort zu und greifen Situationen auf, die sie vorfinden. Da möchte zum Beispiel Melanie, 16 Jahre, mit Malik einen Kuchen backen. „Ok – habt ihr Lust, dass wir daraus ein Backvideo machen?“, fragt J-J Da Costa. Und schon geht’s los: Das Ei wird vor laufender Handy-Kamera aufgeschlagen. Ein Kamera-Schwenk begleitet das Rühren in der Schüssel. Jugendliche und Sozialpädagogen lernen, wie das geht, so ein eigenes Video zu drehen. Am Schluss kann Melanie auf dem Instagram-Account des Cross das Video teilen und zeigen, was sie heute gemacht hat.

„Gerade, wenn Jugendliche viel konsumieren, wie zum Beispiel TikTok-Videos oder Instagram-Reels, ist der Effekt groß. Sobald sie mal selbst eins gedreht haben, sehen sie, was dahintersteckt“, beschreibt Da Costa seine Arbeit.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Jugendliche schon alles über Digitalisierung wissen.

„Ein allgemeines Vorurteil besteht darin, dass junge Menschen schon alles über die Medien wissen“, sagt Da Costa. Er selbst ist Dozent für Musikproduktion und Musikproduzent. Seit Jahren beschäftigt er sich intensiv mit sozialen Netzwerken. Er setzt sie ein, um Kinder und Jugendliche für seine Kurse zu erreichen und nutzt sie als Kommunikationstool, um seine Musik zu verbreiten.

Tatsächlich können Kinder und Jugendliche Unterstützung dabei gebrauchen, richtig mit den Sozialen Medien umzugehen. Es ist zum Beispiel hilfreich zu wissen, dass die Algorithmen von Instagram oder TikTok digitale Blasen begünstigen. Diese Blasen entstehen dadurch, dass die Algorithmen ihren Nutzern nur solche Videos zeigen, die ihnen gefallen könnten. Das kann sehr einseitig werden. Informationen über andere Meinungen oder andere Themen fehlen dann im Weltbild der Nutzer.

„Es gibt den Begriff der digitalen Teilhabe“, erklärt die Leiterin des Jugendzentrums Cross, Manuela Muth. Er bedeutet, dass jedem Menschen der Zugang zu digitalen Entwicklungen zugänglich gemacht werden muss, um an der Gesellschaft teilzunehmen. Das umfasst auch, fit für die Herausforderungen und Möglichkeiten zu sein, die in den Sozialen Medien liegen.

Digitale Jugendarbeit Bild1

Workshop-Leiter J-J Da Costa bestätigt diese Ansicht: „Wenn zwei Mädchen aus dem letzten Workshop im FrESch mir sagen, was sie heute neu dazugelernt haben, dann ist das toll. Und das Allerbeste ist natürlich, wenn sie mich fragen: ‘Wann bist du wieder da?‘“

Eine Brücke schlagen: Jugendliche online ins Jugendzentrum vor Ort holen.

Denn natürlich geht es auch darum, aus den digitalen Medien eine Brücke in die reale Begegnung im Jugendzentrum zu schlagen. „Beides soll sich ergänzen“, sagt Manuela Muth von der Katholischen Jugendagentur LRO.

Sie hat durch eine Umfrage unter den Jugendlichen für dieses Projekt die Erkenntnis gewonnen: „Zwar benutzen die Jugendlichen von den Social Media Plattformen Instagram am meisten. Aber am liebsten treffen sich Kinder und Jugendliche immer noch ganz real mit ihren Freunden.“

Auch solche realen Treffen erhalten mehr Zulauf dadurch, dass ein Jugendzentrum in den Sozialen Medien präsent ist. So haben zum Beispiel andere Jugendliche Melanies Kuchen-Video gesehen. Nächstes Mal gehen sie selbst ins Jugendzentrum und backen auch mit.

Darum ist es gut, dass die pädagogischen Fachkräfte durch das Projekt „JuDi“ ihre Arbeit in den Sozialen Medien zeigen. Ihre Präsenz dort ist wichtig für die Jugendlichen. Sie merken dann, dass die Leute, die ihnen bei Problemen helfen und die im Jugendzentrum ihre Ansprechpersonen sind, auch in ihrer digitalen Welt existieren. „Selbst wenn wir nicht die coolsten auf Instagram sind - wir sind da!“, hält Muth fest.